Wenn ich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Hochschulen in Deutschland, außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder innovativen Mittelständlern rede, höre ich stets die gleiche Frage: Wie funktioniert die EU-Forschungsförderung konkret, und was nützt sie uns in der praktischen Anwendung? Ich habe in den letzten Jahren Dutzende EU-Projekte von der Idee bis zur Abrechnung betreut und dabei festgestellt, dass das System deutlich offener ist, als es zunächst den Anschein hat. Deutschland ist nicht nur der wichtigste Nettozahler, sondern auch einer der erfolgreichsten Akteure im europäischen Forschungsbereich. In diesem Artikel erläutere ich, was im Hintergrund geschieht, welche Programme tatsächlich relevant sind und wie Sie als Institution oder einzelner Forscher den Start schaffen — ganz ohne Bürokratiemythen, dafür mit handfesten Fakten und realen Erfahrungswerten.
Weshalb europäische Forschungsprojekte für Deutschland unerlässlich sind
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, die deutsche Forschungslandschaft sei ausreichend stark, um eigenständig zu bestehen. Wir haben die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Institute, die Helmholtz-Gemeinschaft und hervorragende Universitäten. Doch in der Praxis wird deutlich schnell: Kein nationales Programm kann die thematische Breite, die internationale Vernetzung und die kritische Masse an Partnern liefern, die ein EU-Verbundprojekt mitbringt. Ich habe miterlebt, wie ein mittelständisches Photonik-Unternehmen aus Thüringen durch ein Horizon-2020-Projekt auf einmal mit einem finnischen Softwarehaus und einer griechischen Universität an einem Quantensensor arbeitete — eine Kombination, die national nie zustande gekommen wäre. Dieses kollaborative Element ist der wahre Mehrwert, weit über das reine Geld hinaus.
Ein zusätzlicher Punkt, der oft unterschätzt wird, ist der Zugang zu Infrastrukturen und Daten. Wer an einem europäischen Projekt beteiligt ist, erhält nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch das Recht, europaweit verteilte Großgeräte, Rechencluster und Biobanken zu nutzen. Für eine deutsche Arbeitsgruppe, die etwa in der Klimaforschung auf Satellitendaten der ESA angewiesen ist oder in der Biomedizin Patientenkohorten aus mehreren Ländern braucht, ist das ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil. Ich habe selbst beobachtet, wie eine Nachwuchsgruppe durch die Partnerschaft in einem ERC-Synergy-Grant plötzlich mit einem Kryo-Elektronenmikroskop in Barcelona forschen konnte, das in Deutschland monatelang nicht verfügbar gewesen wäre.
Hinzu kommt die strategische Dimension. Die EU-Kommission setzt mit ihren Ausschreibungen strategisch Themen, die nationale Förderer vielleicht erst Jahre später thematisieren — von Quantentechnologien über saubere Wasserstoffwirtschaft bis zu ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz. Wer früh in solche Vorhaben involviert ist, gestaltet Standards, Patente und Regulierungen von Anfang an mit. Ich rate jeder Einrichtung, Innovationscluster und Transferstellen nicht als Nebenschauplatz zu behandeln, sondern als Frühwarnsystem für das, was in fünf Jahren industrieller Standard sein wird.
Strategie für die Zukunft: So hält sich Deutschland an der Spitze
Die Teilnahme deutscher Institute an EU-Forschungsprojekten ist nicht selbstverständlich, sondern muss aktiv geformt werden. In meiner Wahrnehmung zeigt sich, dass jene Einrichtungen besonders erfolgreich sind, die eine klare Europastrategie in ihrer Leitung des Instituts verankert haben und Forschungsunterstützung nicht nur als Finanzierungsquelle, sondern als Werkzeug der strategischen Globalisierung auffassen. Das bedeutet konkret: eigene EU-Referentenstellen einrichten, Reisekostenbudgets für Treffen der Konsortien bereitstellen und eine Belohnungsstruktur schaffen, die Wissenschaftler auszeichnet, die sich als Koordinator betätigen. Zu oft habe ich gesehen, dass exzellente Forscher nach einem ersten, ernüchternden Erfahrung mit einem Antrag nie wieder einen Versuch starten, weil der Aufwand nicht geschätzt wurde. Das ist eine Verschwendung von Begabung.
Ebenso die thematische Ausrichtung müssen wir proaktiv prägen. Deutschland hat in den Bereichen Quantentechnologie, Wasserstoff, KI in der Medizintechnik, nachhaltige Chemie und resilienten Energiesystemen weltweit anerkannte Stärken. Statt nur auf veröffentlichte Ausschreibungen zu warten, sollten sich deutsche Einrichtungen vermehrt in die Vorphase einbringen — über Verbände, Ländervertretungen in Brüssel oder direkte Konsultationen zu den strategischen Plänen. Ich selbst habe erlebt, wie ein informelles Positionspapier eines bayerischen Clusters es in die finale Formulierung eines Arbeitsprogramms brachte, weil es frühzeitig in die richtigen Kanäle geleitet wurde. Diese Möglichkeit wird noch zu selten ausgeschöpft. Wer mitgestalten will, muss den Mut zum frühen Dialog zeigen.
Eine letzte Empfehlung aus meiner Tätigkeit: Investieren Sie in das Begreifen der sogenannten Missionsorientierung, die im nächsten Rahmenprogramm noch stärker betont werden wird. Die fünf EU-Missionen — Krebs, Anpassung an den Klimawandel, gesunde Ozeane, klimaneutrale Städte und Boden — werden disziplinübergreifende Vorhaben mit Bürgerbeteiligung erfordern. Ich sehe jetzt schon, dass diejenigen, die heute interdisziplinäre Modelle erproben und Bürgerwissenschaft einbinden, morgen die Nase vorn haben. Deutschland hat mit Institutionen wie dem Museum für Naturkunde Berlin oder dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie bereits Pioniere auf diesem Feld. Es geht jetzt darum, diese Erfahrungen breit zu teilen und als Blaupause für andere zu nutzen. So bleibt Forschung made in Germany ein Qualitätsmerkmal — nicht nur national, sondern europäisch vernetzt und zukunftsweisend.
Das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation: Horizon Europe
Wenn ich Horizon Europe erklären soll, beginne ich immer mit der schieren Größenordnung: Mit ungefähr 95,5 Milliarden Euro über einen Zeitraum von sieben Jahren (2021—2027) handelt es sich um das global größte transnationale Forschungsförderprogramm. Es gliedert sich in drei Säulen, die bewusst unterschiedliche Zielgruppen und Projekttypen ansprechen. Entgegen häufiger Behauptungen handelt es sich beim Programm nicht um einen bürokratischen Monolithen, sondern ein Baukastensystem, aus dem jede Einrichtung den geeigneten Baustein auswählen kann. In meiner Beratungsarbeit sehe ich, dass zahlreiche Antragsteller sofort an die komplexen Konsortialprojekte denken, dabei jedoch die einfacheren Einstiegsformate übersehen, die speziell für Neueinsteiger ausgelegt sind.
Struktur und Säulen von Horizon Europe
Die erste Komponente Säule, „Spitzen- Wissenschaft”, richtet sich vor allem an Grundlagenwissenschaftler und individuelle Spitzenwissenschaftler. Hier sind die European Research Council Grants verortet — Starting, Consolidator, Advanced und Synergy Grants — sowie die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen für Mobilität und die Forschungsinfrastrukturen. Diese Säule ist rein qualitätsgetrieben, das heißt, es kommt an auf nur die akademische Qualität, nicht die politische Ausrichtung. Die zweite Komponente Säule, „Weltweite Probleme und industrielle Leistungsfähigkeit Europas”, ist das Zentrum der themenbezogenen Verbundforschung. Sie ist in sechs Gruppen unterteilt: Gesundheit; Kultur, Kreativität und integrierende Gemeinschaft; Zivile Sicherheit; Digitalisierung, Industrie und Raumfahrt; Klima, Energie und Verkehr; sowie Nahrungsmittel, Bioökonomie, natürliche Rohstoffe, Agrarwirtschaft und Umwelt.
Die dritte wichtige Säule, „Innovatives Europa”, zielt auf praxisnahe Innovation. Hier sind der Europäische Innovationsrat (EIC) mit seinem Accelerator für Start-ups und KMU, die Unterstützung von Innovationsökosystemen und das Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT) mit seinen Knowledge and Innovation Communities. Für viele deutsche Unternehmen, die ich kenne, ist der EIC Accelerator der reizvollste Baustein, weil er nicht nur Zuschüsse, sondern auch Eigenkapitalbeteiligungen bereitstellt — eine tatsächliche Lücke in der deutschen Förderlandschaft. Ich rate immer, sich zunächst genau zu durchdenken, auf welcher Technologie-Reifegradstufe man sich befindet, bevor man sich für eine Säule entschließt.
Mittel und Schwerpunkte der Förderung im Überblick
Von den 95,5 Milliarden Euro fließen etwa 25 Milliarden in die Säule Exzellente Wissenschaft, rund 53,5 Milliarden in die thematischen Cluster und etwa 13,6 Milliarden in die dritte Säule. Die genauen Ausschreibungsbudgets werden in zweijährigen Arbeitsprogrammen publiziert. Für deutsche Antragsteller besonders relevant sind die Cluster 4 (Digitalisierung, Industrie), Cluster 5 (Klima, Energie, Mobilität) und Cluster 1 (Gesundheit), weil sie exakt die Stärken des deutschen Innovationssystems repräsentieren. In meiner Praxis sehe ich jedoch auch wachsende Chancen in Cluster 6 (Agrar- und Lebensmittel), da die Farm-to-Fork-Strategie viele interdisziplinäre Projekte generiert, bei denen deutsche Agrarinstitute und KI-Forschende zusammenfinden.
Ausschlaggebend ist, dass die Zuschüsse je nach Projekttyp variieren. RIA übernehmen 100 Prozent der förderfähigen Kosten, während IA für unternehmerische Partner meist 70 Prozent erstatten, gemeinnützige Einrichtungen aber nach wie vor 100 Prozent bekommen. CSA werden ebenfalls gänzlich unterstützt. Diese Unterscheidung wird in der ersten Aufregung oft ignoriert, ist aber zentral für die Budgetkalkulation. Ich habe mehr als einmal beobachtet, dass ein mittelständisches Unternehmen von der 70-Prozent-Quote verblüfft wurde und dann umverhandeln musste — ein vermeidbarer Fehler, den ein kurzer Blick in das jeweilige Arbeitsprogramm verhindert hätte.
Wie Forschungseinrichtungen in Deutschland teilnehmen können
Der Start in die europäische Forschungsförderung ist nicht geheim, aber er folgt einer festen Choreographie, die man kennen sollte. Ich unterteile den Prozess immer in drei Phasen: strategische Vorbereitung, Antragsphase und Vertragsphase. Viele Einrichtungen bewerten falsch die strategische Vorarbeit und stürzen sich direkt auf eine Ausschreibung, sobald sie veröffentlicht wird. Das ist zu vergleichen mit dem Bau eines Hauses ohne Fundament. In meiner Arbeit hat sich bewährt, mindestens sechs bis neun Monate vor einer geplanten Einreichung mit dem Scouting zu beginnen, Konsortialpartner anzusprechen und die Idee in informellen Gesprächen mit Nationalen Kontaktstellen zu testen.
Verfahren zur Antragstellung Schritt für Schritt
Das Verfahren läuft über das Funding and Tenders Portal der Europäischen Kommission, das alle Ausschreibungen und elektronischen Antragsformulare zentral vereint. Ich erörtere Ihnen den typischen Ablauf aus meiner Beratungspraxis in fünf praktischen Schritten:
- Themenidentifikation und Partnernetzwerk knüpfen: Ermitteln Sie eine geeignete Ausschreibung über das Portal, und wenden Sie sich gezielt an Einrichtungen, die komplementäre Expertise bereitstellen. Ziehen Sie heran Sie dazu die Partnervorschläge des Portals, Brokerage-Events und Ihr persönliches Netzwerk aus vorherigen Projekten.
- Projektentwurf und Aufgabenverteilung: Erarbeiten Sie eine erste überschlägige Struktur mit Arbeitspaketen, Meilensteinen und Deliverables. Weisen Sie jedem Partner eindeutige Verantwortlichkeiten und ein vorläufiges Budget zu. In dieser Phase ist die Rolle des Koordinators ausschlaggebend — eine fordernde, aber lohnende Aufgabe, die den wissenschaftlichen und administrativen Takt festlegt.
- Antragskonzept im F&T-Portal einrichten und ausfüllen: Das digitale Formular besteht aus einem administrativen Teil (Teil A) und einem fachlich-wissenschaftlichen Teil (Teil B). Letzterer folgt immer einem vorgegebenen Template mit Abschnitten zu Exzellenz, Impact und Umsetzung. Ich rate, Teil B mit einer glasklaren Story zu beginnen, die den Gutachtern in den ersten beiden zwei Seiten zeigt, warum genau dieses Konsortium und ausgerechnet dieses Problem jetzt gelöst werden müssen.
- Hauseigene Qualitätskontrolle und Budgetcheck: Bitten Sie den fertigen Entwurf von einer externen Person prüfen, die keine Fachexpertise im Themenfeld hat, aber den Antrag begreifen kann. Kontrollieren Sie die Budgettabelle sorgfältig auf Inkonsistenzen, vor allem die Personalkosten und die Abgrenzung zwischen direkten und indirekten Kosten. Vor allem die 25-Prozent-Pauschale für indirekte Kosten wird oft falsch angesetzt.
- Abgabe und Evaluierung erwarten: Reichen Sie den Antrag vor Ablauf der Frist ein – Nachfristen gibt es nicht. Die Evaluierung benötigt in der Regel drei bis fünf Monate. Verwenden Sie die Zeit, um bereits Vertragsvorbereitungen mit Ihren Partnern zu anbahnen, etwa einen Konsortialvertragsentwurf zu erstellen, denn nach der positiven Evaluierung muss alles rasch gehen.
Öffentliche Kontaktstellen und Beratungsmöglichkeiten
Mein vielleicht wichtigster praktischer Tipp: Sie brauchen das nicht allein durchstehen. Deutschland hat ein engmaschiges Netz an Nationalen Kontaktstellen (NKS), die für jedes Cluster und jede Säule spezialisierte Ansprechpersonen anbieten. Diese Ansprechpartner sitzen bei verschiedenen Projektträgern, wie beim DLR, bei Jülich oder bei der BLE, und stellen bereit kostenfreie, vertrauliche Unterstützung. Ich habe die Erfahrung gewonnen, dass ein frühes Telefonat mit der zuständigen NKS die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich verbessert, weil man etwas über inoffizielle Erwartungen der Kommission erfährt, das nicht im Arbeitsprogramm aufgeführt ist. Auch die Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) stellt bereit speziell für Hochschulen und Forschungseinrichtungen Schulungen und individuelle Trainings an, die ich ausdrücklich empfehle.
Für Unternehmen existieren die Enterprise Europe Network-Beratungsstellen, die oft bei Industrie- und Handelskammern oder Innovationszentren angedockt sind. Sie assistieren nicht nur bei der Antragstellung, sondern auch bei der Suche nach internationalen Partnern. In meiner Zeit als Projektkoordinator habe ich wiederholt erlebt, wie ein kurzer Workshop beim EEN den wesentlichen Kontakt zu einem slowenischen oder portugiesischen Mittelständler vermittelte, der genau die fehlende Komponente für das Konsortium bereitstellte. Verkennen Sie auch nicht die EU-Referentinnen an den größeren Universitäten, die häufig einen Erfahrungsschatz aus Dutzenden Anträgen mitbringen und die Feinheiten der Formatierung und Textstruktur kennen, die den Unterschied zwischen einer sehr guten und einer herausragenden Bewertung bilden können.
Schwierigkeiten und wie man sie überwindet
Ich will nichts schönreden: Europäische Forschungsprojekte sind anspruchsvoll. Die typischsten Stolpersteine befinden sich in der administrativen Komplexität, der kulturübergreifenden Kommunikation und der Verkennung der Koordinationsaufgaben. Aber ich habe auch gelernt, dass sich fast jede Hürde mit den richtigen Routinen und einer Portion Gelassenheit bewältigen lässt. Ausschlaggebend ist, von Anfang an eine realistische Einschätzung des Aufwands zu haben und diesen in der Personalplanung abzubilden, anstatt zu glauben, dass es nebenbei läuft. Hier sind die fünf typischsten Herausforderungen, die mir in der Praxis entgegentreten, und wie Sie ihnen begegnen können:
- Zu gering eingeschätzte Personalkapazität für das Projektmanagement: Forschende neigen dazu, nur die wissenschaftliche Arbeit zu sehen, doch die EU fordert ein professionelles administratives und finanzielles Management. Ich schlage vor, von Anfang an eine bewährte Projektmanagerin oder einen Drittmittelreferenten vorzusehen und die Aufwendungen dafür pragmatisch zu budgetieren — in der Regel 10 bis 15 Prozent des Gesamtvolumens.
- Kulturbezogene Missverständnisse im Konsortium: Wenn ein deutscher Ingenieur mit südeuropäischen Partnern an einem knappen Zeitplan arbeitet, prallen verschiedene Planungsmentalitäten aufeinander. Ich setze auf ein Kick-off-Treffen in Präsenz, eindeutige Kommunikationsregeln und ein gemeinsam verabschiedetes Projekthandbuch, das Entscheidungsabläufe und Eskalationsmechanismen bestimmt.
- Finanzielle Liquiditätslücken: Die EU überweist in der Regel auf Basis eines genehmigten Berichts mit einer gewissen Verzögerung. Vor allem kleinere Einrichtungen kommen dadurch in Vorleistung. Ich rate zu einem Bankgespräch schon vor Projektbeginn, um eine Zwischenfinanzierungslinie zu zu vereinbaren, und zur Schaffung einer angemessenen Liquiditätsreserve.
- Konsequente Regelkonformität bei der Abrechnung: Zeitnachweise müssen personengenau und stundenscharf geführt werden, Dienstreisen sind ausführlich zu erklären, und jede Kostenposition muss dem Projekt direkt zuzuordnen sein. Ich pflege, vierteljährlich interne Mini-Audits zu machen, statt erst am Ende der Berichtsperiode in Panik zu geraten.
- Wissenschaftliche Publikationspflicht und Open Access: Die EU erwartet, dass alle reviewten Publikationen frei einsehbar sind. Das ist gut, benötigt aber ein frühzeitiges Budget für Publikationsgebühren und die Wahl angemessener Repositorien. Ich rate, einen Open-Access-Beauftragten im Projektteam zu benennen, der sich um ORCID-Verknüpfungen und Metadaten sorgt.
Überzeugende Beispiele aus der Praxis
Praktische Projekte zeigen mehr als allgemeine Programmzahlen. Ich will drei konkrete Vorhaben vorstellen, die ich selbst betreut habe oder deren Wirkung ich aus direkter Nähe beobachten konnte. Sie demonstrieren, wie verschieden der Weg in die EU-Förderung verlaufen kann und dass es kein Standardrezept gibt. Allen gemeinsam ist allen Erfolgsgeschichten, dass die Projektinitiatoren zeitig eine präzise Vision ausgearbeitet, sich hervorragende Partner gefunden und die administrativen Prozesse beachtet haben, ohne sich von ihnen abschrecken zu lassen. Lassen Sie sich von diesen Beispielen nicht abschrecken, wenn Ihre erste Idee anders aussieht — Diversität ist explizit gewünscht und wird honoriert.
Verbundprojekte mit deutscher Beteiligung
Ein Beispiel aus dem Cluster 5: Ein Zusammenschluss unter Koordination eines Fraunhofer-Instituts in Sachsen entwickelte ein neuartiges Batteriemanagementsystem für Second-Life-Speicher aus genutzten E-Auto-Batterien. Deutschland Partner waren ein Autozulieferer aus Baden-Württemberg, ein Energieversorger aus Nordrhein-Westfalen und eine Universität in Niedersachsen. Hinzu kamen ein estländischer Softwareentwickler für die künstlich-intelligente Zustandsdiagnostik und eine schwedische Kommune, die das System in einem Wohnquartier testete. Das Projektvolumen lag bei 8 Millionen Euro, der Anteil Deutschlands bei knapp 4 Millionen. Der Kniff war, dass die europaweite Perspektive nicht nur die Prüfung der Technologie unter diversen Klimabedingungen ermöglichte, sondern auch die gesetzlichen Hindernisse für über Ländergrenzen hinweggehende Stromspeicherung verringerte — ein Aspekt, das inzwischen in der überarbeiteten EU-Batterieverordnung berücksichtigt wurde.
Ein weiteres Verbundprojekt aus dem Cluster 1 (Gesundheit) brachte ein Uniklinikum in Bayern mit einem Biotech-Start-up aus Berlin, einer Patientenorganisation aus den Niederlanden und einem IT-Unternehmen aus Dänemark zusammen, um eine Plattform für individualisierte Therapieempfehlungen bei seltenen Nierenerkrankungen zu entwickeln. Die deutsche Seite trug die klinische Expertise und die Bioproben bei, während die dänischen Partner die Dateninfrastruktur aufbauten und die Patientenorganisation die Bedarfe der Betroffenen formulierte. Derartige Konstellationen sehen Sie in keinem einzigen nationalen Topf. Die Projektevaluation lieferte nach drei Jahren nicht nur eine validierte Entscheidungssoftware, sondern auch einen neuen Diagnostikstandard, der heute in Leitlinien mehrerer Fachgesellschaften verankert ist.
Spezifische Förderung für Top-Forscher — ERC Grants
Neben den wichtigen Verbünden ist der European Research Council für viele deutsche Forschende der große Traum. Ich denke zurück an eine Astrophysikerin an einer norddeutschen Universität, die einen ERC Starting Grant erhielt. Sie hatte zuvor Bedenken gehabt, weil sie dachte, ihr Thema — die Modellierung von Magnetfeldern in Zwerggalaxien — sei zu spezifisch. Doch genau diese Spezialisierung war ihre Trumpfkarte. Der ERC prüft ausschließlich die wissenschaftliche Exzellenz des Antragstellers und des Vorhabens, ohne politische Themenvorgaben. Sie erhielt 1,8 Millionen Euro für fünf Jahre, gründete eine eigene Nachwuchsgruppe auf und publizierte in Nature Astronomy. Ausschlaggebend war, dass sie den Antrag als kohärente Forschungsvision schrieb, nicht als Ansammlung von Einzelprojekten. Ich rate allen, die über einen ERC Grant nachdenken, mindestens ein Jahr Vorlauf zu kalkulieren und mehrere interne Reviews zu durchlaufen, bevor der Antrag nach Brüssel geht.
FAQ
Was für ein Budget steht Deutschland aus Horizon Europe im Einzelnen zur Verfügung?
Es gibt kein festes Länderbudget, da die Mittel im Wettbewerb zugewiesen werden. Deutschland gehört jedoch stets zu den besten Antragstellern und holt etwa 15 bis 18 Prozent der gesamten Projektmittel zurück. Bei einem Programmvolumen von rund 95,5 Milliarden Euro entspricht das einer Summe im hohen Milliardenbereich. Die exakte Quote variiert je nach Cluster und Einreichrunde. Ich rate, die Beteiligungsstatistiken des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu verfolgen, die jährlich erneuert werden.
Haben die Möglichkeit auch kleine Unternehmen und Start-ups von EU-Förderung Nutzen ziehen?
Ja, absolut. Der EIC Accelerator zielt gezielt an KMU und Start-ups mit wegweisenden Innovationen und stellt bereit Zuschüsse bis zu 2,5 Millionen Euro sowie fakultativ Eigenkapitalbeteiligungen. Auch in den Verbundprojekten der Cluster sind Mindestbeteiligungen mehrerer KMU oft erforderlich. Ich habe mehrere kleine Firmen erlebt, die über ein EU-Projekt den Einstieg in internationale Märkte bewältigt haben, weil sie auf einmal mit Großkonzernen auf Augenhöhe zusammenarbeiteten.
Wie hoch ist der administrative Aufwand in der Praxis?
Der Zeitaufwand ist nicht zu unterschätzen, aber er ist vorhersehbar. Für Verantwortliche rate ich, etwa 15 Prozent des Gesamtbudgets für Projektsteuerung zu reservieren. Die digitalen Werkzeuge wie das Funding and Tenders Portal sind mittlerweile ausgereifter, erfordern aber eine gründliche Schulung. Ausschlaggebend ist, ein kompetentes Finanzcontrolling von Beginn an zu aufbauen. Mit einem gut geschulten Team und eingespielten Abläufen wird die Administration zur Gewohnheit und ist kein dauernder Ausnahmezustand.
Benötige ich unbedingt internationale Teilnehmer?
Für die meisten Antragsverfahren ja. Die Regelvorgabe sind zumindest drei rechtlich selbstständige Institutionen aus drei diversen EU-Mitgliedstaaten oder angebundenen Staaten. Sonderfälle gibt es nur bei gewissen Förderprogrammen wie dem ERC. In meiner Erfahrung hat sich herausgestellt, dass eine durchdachte Kombination aus bekannten und neuartigen Kooperationspartnern die beste Dynamik erzeugt. Ein reines Netzwerk aus altbekannten Kollegen gefährdet Betriebsblindheit, während ein völlig frisches Konsortium extra Vertrauensaufbau erfordert.
Was passiert, wenn ein Projektpartner aussteigt?
Ein Wechsel der Partner ist realisierbar, aber mit viel Formalaufwand verbunden und erfordert der Einwilligung des Fördergebers ingress-project.eu. Im Konsortialvertrag sollte bereits ein Szenario für den Fall des Ausscheidens vereinbart sein, beispielsweise die Übertragung des verbleibenden Budgets auf andere Partner oder ein Vetorecht. In der Regel untersucht die Kommission, ob der wissenschaftliche Kern des Vorhabens bedroht ist. Ich empfehle, diese Klauseln nicht als Schikane zu sehen, sondern als Vorsorge, die im Ernstfall beträchtliche Verzögerungen und Streitigkeiten ausschließt.
Was für Alternativen zu Horizon Europe existieren für deutsche Forschende?
Neben Horizon Europe gibt es zahlreiche bilaterale Programme, etwa mit Frankreich oder Israel, sowie die nationalen Förderlinien der DFG, des BMBF und des BMWK. Auch EU-Programme wie Erasmus+ für Bildungsprojekte oder der Europäische Verteidigungsfonds für militärische Forschung sind relevant. Ich betrachte diese Optionen nicht als Konkurrenz, sondern als komplementäre Bausteine einer internationalen Förderstrategie. Oft ergeben sich aus einem nationalen Vorprojekt die Daten, die einen schlüssigen EU-Antrag erst realisierbar machen.
Wie finde ich heraus, ob meine Idee für Horizon Europe tauglich ist?
Mein erster Rat: Navigieren Sie zu dem Funding and Tenders Portal und erkunden Sie die Arbeitsprogramme der für Sie relevanten Cluster nach geeigneten Topics. Achten Sie dabei auf die sogenannten „Scope”-Beschreibungen – sie definieren, was genau gefordert wird. Ein knappes Feedbackgespräch mit der zuständigen Nationalen Kontaktstelle kann in 30 Minuten Klarheit verschaffen. Ich schlage vor außerdem, anonymisierte Exposés aus vergangenen erfolgreichen Anträgen zu analysieren; viele Einrichtungen stellen solche Muster in internen Portalen zur Verfügung.

